Von Friedhelm Häring

Entnommen dem Katalog "Barbara Heinisch - Malerei als Ereignis", Oberhessisches Museum, Gießen 2007, ISBN 978-3-00-020901-7, S. 4 f.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nimmt das dröhnende Motorengeräusch des Tempowahnsinns zu: "Time is money" - lautet eine menschenverachtende Parole, die Zeitgeist gebiert. Sie zielt auf Gewinnzuwachs durch rasantere Produktionstechniken und Produktsteigerung, durch Überwindung des Raumes und Verdichtung der Zeit. Darauf reagieren auch Kunst und Künstler, in dem sie eine Dynamisierung des Bildaufbaues, aber auch des Entstehungsprozesses anstreben. Die passive Kontemplation der Betrachter ist schon lange gestört. Seit den Happenings, seit Fluxus und Performance wird er aufgeschreckt, er gerät selbst in Bewegung. Er muss an der Seite des Künstlers auf Erkundung gehen. Das Kunstwerk ist kein fernes Ideal. Heute wird ein "Eintauchen" in das Werk beschworen, Nähe wird gefordert. So ist der Lebensalltag zwischen Talkshow und Peepshow distanzlos geworden. Alles ist schnell und öffentlich. Auch die Kunst sucht Unmittelbarkeit, Nähe, Kontakt, spontane Umdeutung.

Die Malereiaktionen aus Tanz, Silhouette des Modells, Farbe und Leinwand von Barbara Heinisch schaffen Metamorphosen in dem Moment des Tuns zur neuen Gültigkeit einer bildnerischen Festigkeit. Das Problem der Zeit im Bild wird neu beantwortet. Es wird keine fremde Geschichte nacherzählt. Künstlerin, Malvorgang, Raum und Zeit werden eins. Das Malen ist die Wirklichkeit, der eigentliche Akt, der Vorgang. Die Leinwand ist die Dimension des Gedankens. Der Furor der Farbe sinkt in die Leinwand, in das Bett des Gleichmaßes, das ihn trägt.

Die erkennbare Dynamisierung des Malvorgangs hat ihren Weg parallel mit der Automatisierung genommen. Robert Delaunay (1885-1941) breitete in Etappen seine Formaspekte des Kubismus zur simultanen Zerlegung des Motivs in Rhythmik und Vielfalt verschiedener Farbakkorde aus. Das lebendige Leben, der pulsierende Alltag, die Verschiebung des Wirklichen, durch das Tempo von Bahn oder Auto, Rotation und Geschwindigkeit werden durch Schwingungen und Überschneidungen eingefangen.

Vor allem der Futurismus (zwischen 1909-1916) bekannte sich zur Technikgläubigkeit und schuf in Italien eine der radikalsten künstlerisch-literarischen Umwälzungen. Man wollte die der Welt innewohnende physikalische Kraft darstellen und den Betrachter in die Mitte des Bildes setzen. Gino Severini, Giacomo Balla, Umberto Boccioni überzeugten durch phasenhaft wiederholte, vibrierende Konturen und Formveränderungen. Umberto Boccioni malte die "Dynamik eines Fußballspielers" 1913. Solche Bilder schlagen die Brücke zu Robert Delaunays "Orphismus". Die politische Botschaft, die politische Zerstörung der bürgerlichen Kultur, wurde über Dadaismus in die Aktionskunst weitergegeben. Auf dieser Linie hat der US-Amerikaner Jackson Pollock (1912-1956) seine besondere Position durch seine Farbdrippings. In Deutschland waren es die Künstler des Informel nach 1945 und unter ihnen Karl Otto Götz (geb. 1914) mit seinen verwirbelten Farbstrukturen, die er in seiner >Malarena< mit Bürste und Rakel erzielt. Pollock und Götz malten ihre Bilder auf den Boden, erzielten psychische Entäußerungen und neue Wahrnehmungscodes aus der Malerei als Ereignis und Zeitablauf. Der Franzose Yves Klein (1928-1962) schuf Bilder durch nackte Frauen, die er bei den Körpereinfärbungen und den Körperabdrucken auf Leinwand dirigierte; sie waren Werkzeug. Die Österreicherin Maria Lassnig (geb. 1919) schuf Bilder, die sich als Körpergefühlsbilder aus der psychologischen Situation ihrer selbst herleiten.

In diesem internationalen Rahmen von Aktionsmalerei ist Barbara Heinischs Werk zu sehen und zu bewerten.

Barbara Heinischs Aktionen sind seit Jahrzehnten bekannte, vieldiskutierte und zeitgemäße Äußerungen innerhalb des Beschleunigungsprozesses, der den Lebensalltag, die Künste und den Malvorgang selbst ergriffen hat. Gleichzeitig strebt sie in ihren Aktionen dem Gegenüber, dem Du zu. Sie ist eine der bemerkenswertesten Künstlerpersönlichkeiten unserer Tage, weil sie einen Weg gefunden hat, die bis zur Tollheit und Raserei beschleunigte Malerei aus ihrem Furioso, dem abstrakten Torkel zu führen, ohne Einbuße an Spontaneität und Energie. Ihr Beitrag aus der Kombination von Malerei und Performance im Dialog mit dem Modell ist einzig.

Musik, Tanz, die Schatten des sich bewegenden Modells hinter der Leinwand, ihr Augenmaß, ihre Konzentration und Energie, und die einfließende Aufmerksamkeit der Betrachter, schaffen ein Kunstwerk gespannter Gemeinsamkeit, emotionalisieren alle Beteiligten: bewegtes Bild - bewegend.